Ein Blog aus Hamburg über Hamburg. Eine humorvolle Betrachtung des alltäglichen Treibens. Es geht um die Menschen und die Ereignisse in der Hansestadt. Die komischen Menschen und die komischen Ereignisse. Kleine Ereignisse in der großen Stadt. Leise Töne in einer lauten Umgebung. Amüsant, unterhaltend, manchmal wirr. Eben 'Tüdelkram from Hamburg'.



14. Juli 2013

Hamburg schnackt! Teil 5: Tschüss!

Vor meinem geistigen Auge sehe ich gerade einige überraschte und fragende Gesichter.
Nicht zu Unrecht denken sicherlich ein paar von Euch, dass "tschüss" ja nun nicht unbedingt so typisch hamburgisch ist. Diese Abschiedsfloskel hört man heutzutage doch in vielen Teilen der Republik.
Ja, ist richtig, sage ich da ganz ungeniert. Aber, Freunde, aber...das war nicht immer so.

Nicht umsonst sah sich die großartige und nie vergessene Heidi Kabel dazu berufen, Deutschland über diesen norddeutschen Abschiedsgruß musikalisch aufzuklären. Das klang damals so:  

 

Aus Sicherheitsgründen möchte ich schnell los werden, dass die Rechte an diesem Lied bei dem Scherzo-Musikverlag in Hamburg liegen und dieser und andere Gassenhauer dort käuflich erworben werden können (ich bin aber auch ein Schisser...).

Und bevor jemand Fragen zu diesem Video stellt: nein, ich weiß nicht, warum ein Krokodil an der Decke hängt. Und für die Choreographie bin ich ebenfalls nicht verantwortlich. Und ja, der Dritte von links ist tatsächlich Fips Asmussen.
Aber es geht hier sowieso ausschließlich um den Inhalt des Liedes und da hat die gute Heidi eigentlich schon fast alles gesagt, was man wissen muss.

Ich möchte dennoch auf den historischen Background noch mal etwas genauer eingehen. Auf was auch sonst...ach so, ja doch: die Schreibweise könnte ich im Vorwege noch schnell erklären. 
Laut Duden kann man die Anzahl der "s" relativ frei wählen, also am Ende entweder mit einem oder zwei Exemplaren dieses Buchstabens. Mir persönlich, und auch diese Schreibweise sieht man dann und wann noch, gefällt eigentlich das gute alte "ß" am besten. Aber das ist reine Geschmackssache.
Für meinen hippen und hochmodernen Blog (*hust*) habe ich mich nun einfach mal für das ebenso moderne doppel-s entschieden.

Zurück zur Geschichte: wie so oft gibt es auch in diesem Fall verschiedene Angaben zu möglichen Quellen. Allerdings konzentrieren sich diese dann doch überwiegend auf Südeuropa als Ursprung. In erster Linie sollen demnach Spanier, Portugiesen oder Franzosen die Inspirationen zum Wörtchen "tschüss" geliefert haben.
Da wird beispielsweise die Hansezeit (ca. 12. bis 17. Jahrhundert) genannt, während derer Hamburg unter anderem lebhaften Handel mit Spanien, Portugal und den Niederlanden betrieb. Da war es nicht weiter verwunderlich, dass insbesondere die Seemänner fremdartige Worte mit zurück nach Hamburg brachten. Eines davon war beispielsweise das spanische "adiós" bzw. das portugiesische Gegenstück "adeus". Klingt beides zugegebenermaßen noch nicht wirklich nach "tschüss". Doch nun kommen die Niederlande ins Spiel. Dieses kleine, beschauliche Fleckchen Erde knapp unter der Grasnarbe stand seinerzeit unter spanischer Herrschaft, was zur Folge hatte, dass es auch hier sprachliche Verwandtschaften gab. Und die Holländer machten aus dem "adiós" ein schmuckes "atjüs". Damit hatten die Norddeutschen und die Hamburger endlich ihr geliebtes "ü" und sogar auch das vermisste "t" und das Wort "tschüs(s)" war geboren.

In der französischen Variante verlief es nicht ganz so direkt. Die nach Norddeutschland geflüchteten Hugenotten (17. Jahrhundert) brachten einige Wörter aus ihrer Heimat mit. Einerseits das allseits bekannte "adieu", sowie aber auch die wallonische Variante (aus dem Nordosten Frankreichs bzw. dem französischen Teil Belgiens) "adjuus". Letztgenanntes hatte nicht nur optische Ähnlichkeiten mit "tschüss", sondern wurde auch sehr ähnlich ausgesprochen, nämlich "adjüüs". Schließlich fand das leicht abgewandelte Wort "atschüs" Einzug in die plattdeutsche Sprache.
An dieser Stelle darf ich noch mal Heidi Kabel erwähnen. Von ihr gibt es nämlich auch ein Lied namens "Adjüs, min Jan" und darf als kleiner, historischer Beleg für die vorangegangene Behauptung angesehen werden.
Im Laufe der Jahre hat sich der plattdeutsche Ausdruck dann nach und nach zum heute bekannten "tschüss" verändert.

Abschließend muss ich natürlich noch erwähnen, dass sämtliche oben genannten Abschiedsformeln höchst wahrscheinlich einen einzigen gemeinsamen Ursprung haben. Und zwar das lateinische "ad deum" (zu Gott).

Vielleicht ist es auch noch interessant zu wissen, dass das Institut für Demoskopie Allensbach genau zu diesem Thema eine Studie ausgearbeitet hat (was es nicht alles gibt). Ende der 1990er Jahre, glaube ich.
Dabei kam heraus, dass die deutsche Top-Verabschiedung "auf Wiedersehen" langsam seine Spitzenposition verliert. Mehr als die Hälfte aller Deutschen benutzt mittlerweile die Worte "tschüss" oder auch "ciao". Insbesondere bei der Verabschiedung von Freunden erreicht "auf Wiedersehen" sogar nur noch einen Anteil von 15%.
Gäbe es nicht den allseits beliebten Fangesang "Auf Wiederseeeeeeh´n, auf Wiederseeeeeeh´n!" (zum Beispiel wenn verletzte Spieler der gegnerischen Mannschaft vom Platz getragen werden), könnte man fast vermuten, dass diese Formulierung vom Aussterben bedroht ist und bald komplett durch "tschüss" ersetzt wird.

Da es mir einfach zu offensichtlich und unkreativ erscheint, diesen Beitrag nun mit "In diesem Sinne: tschüss!" oder "Ich sach dann auch mal tschüss!" zu beenden, gibt es jetzt zum Abschluss eine kurze Geschichte der legendären Hamburger Witz-Figur "Klein Erna". Einfach so. Als Überraschung.
Klein Erna und ihre Mutti im Thalia-Theater...ob es sich dabei wieder um Heidi Kabel handelt, ist mir nicht bekannt:
Klein Erna is mit Mamma in Taaliatiater und inne Pause gehn sie da in Gang spazian und sehn da mittema 'n Foto vonne Schauspielerin, die sie ehm gesehn ham. Da sagt Mamma, 'Ne Schönheit issi scha gerade nich!' Klein Erna: 'Tscha, aber bein Spieln holt sie auf!


Weitere Quellen: Kleines Lexikon Hamburger Begriffe, Wikipedia 

Kommentare:

  1. Ich lese deine Reihe "Hamburg schnackt" sehr gerne und so auch dieses Mal. :) Sehr schön geschrieben, bitte mehr davon.

    Viele Grüße
    ACunicorn

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    1. Also erstmal herzlichen Glückwunsch zum wohl schnellsten Kommentar in der Geschichte dieses Blogs! :)
      Und ganz lieben Dank für das positive Feedback. Die Serie geht natürlich noch weiter, versprochen!

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